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Wie die Gitarrenmusik der Nullerjahre doch noch gut wurde. Und was von davon bleibt.

Langsame ISDN-Verbindungen, Paris Hilton, Coffee to Go von Starbucks Blogs und Myspace, Krieg im Irak und Afghanistan, aber Frieden in Europa, Musikpiraterie und schlecht aufgelöste Internetpornos, Städtereisen mit den aufkommenden Billigfliegern, Crocs und Harry Potter, Hüftgürtel, Ponyfrisuren, Skinnyjeans und natürlich Fedoras: Das ist die Zeit, in der «Lärmparade» spielt: Eine bunte Epoche namens Nullerjahre.

Alles wäre aber nur halb so laut und bunt gewesen ohne den O.S.T. unserer Millenial-Jugend – der Musik. Natürlich gab es  Eminem, Shakira und Gnarls Barkly, der uns (oder zumindest mich) mit seinem Hit «Crazy» halb in den Wahnsinn trieb. Doch was war mit gutem altem Rock? Und wer hätte Anfangs des Jahrzehnts gedacht, dass der noch einmal so richtig gut werden würde?

Gitarrenmässig begannen die Nullerjahre, zumindest in meiner damaligen Wahrnehmung als musikbegeistertes Pickelgesicht, mit einem Kater. Grunge war genauso tot wie Kurt Cobain, der Alternative Rock hatte sich mit epischen Alben wie «Mellon Collie and the Infinite Sadness» seine Denkmäler gesetzt und dann auch totgelaufen.

Um die Jahrtausendwende tummelten sich auf MTV und den Covers der Musikzeitschriften «Nu-Metaller» wie Limp Bizkit, die ihr überschüssiges Testosteron in überproduzierten Crossover aus Gitarrenwänden und Rap-Einlagen abliessen. Oder versprengte Einzelgänger wie Radiohead und Muse. Da war keine grosse Bewegung, im doppelte Sinn des Wortes.


Und plötzlich war Indie Mainstream

Bis 2001 aus New York ein neuer Gitarrensound erklang: Leicht und locker statt satt und schwer wie in den 90ern, dafür tanzbar: The Strokes. Bald gesellte sich leidenschaftliches Geschrummel aus London dazu; The Libertines hatten die Bühne der Rockgeschichte geentert. Dann traten The Hives aus Schweden auf den Plan, Franz Ferdinand aus Glasgow – und dann ganz schnell ganz viele mehr.

Eine Welle tanzbaren Indierocks schwappte über Tanzflächen und in die Wohnzimmer der Jugendlichen, die in Disco lauthals «cause I'm Mr. Brightside» schrien. Eine neue Rockbewegung war geboren, oder zumindest eine Szene. Zuhause war sie in London, in Camden genauer gesagt, in denen lehgendäre Venues wie das Koko lagen oder Pubs wie das Hawley Ams, in dem sich das Who is Who der Szene und auch Amy Winehouse die Klinke in die Hand gab.

Indierock, einst das Geschrummel schüchterner Kids, die beim Spielen auf ihre Schnürsenkel starrten, war im Scheinwerferlicht des Mainstreams angekommen. Tausende junger Männer stürmten die Seconhand-Läden, kauften Jacketts und Fedora, schnallten sich Gitarren, nannten sich «The»-irgendwas und legten los.

In dieser Stimmung packen Pete und Janosch in «Lärmparade» ihre Koffer und reisen aus der musikalischen Provinz Zürich nach Glasgow, wo ihre Helden Franz Ferdinand herkommen. Obwohl der grosse Durchbruch einmal zum Greifen nah scheint, bleiben auch Pete und Janosch mit ihrer Band Noise Parade eine Randnotiz der Rockgeschichte. Zum Ende des Jahrzehnts waren einige der vielen mittelmässigen Gitarrenbands so überdrüssig, dass der Begriff «Indie Landfill» – Indie-Müllhalde. Denn zu dem Zeitpunkt hatte der Gitarrenrock sein neu erwachte künstlerische Kraft schon wieder verloren  – und ihn bis heute nicht wiedergefunden.

Tausende junger Männer stürmten die Secondhand-Läden, schnallten sich Gitarren um und nannten sich «The»-irgendwas.

Time's up für den Gitarrenrock     

 

Doch was ist heute, zwanzig Jahre nach dem goldenen Indie-Zeitalter, geblieben von Röhrchenjeans, dem «Indie Landfill» und der Szene um Pete Doherty?

Rückblickend war der Indierock-Szene der frühen Nullerjahre wohl das letzte Aufbäumen der Rockmusik aus dem 20. Jahrhundert. Einem Genre, das zwar seine subversiven und emanzipatorischenSeiten hatte, aber letzten Endes in erster Linie eine Veranstaltung von und für weisse Jungs blieb. Wie Nina in «Lärmparade» gegen Ende des nach ihr benannten Kapitels beklagt, standen die Frauen auch in den frühen Nullerjahren in erster Linie als Fans vor der Bühne oder als Promoterinnen, Journalistinnen oder Assistentinnen dahinter. Wie es sich zu dieser Zeit anfühlte, als nichtweisse Frau auf der Bühne zu stehen, lest ihr hier.

Je länger auch ich mich für «Lärmparade» wieder mit dieser Zeit beschäftigte, die für mich so prägend gewesen war, desto stärker mischte sich ein Befremden in die Nostalgie. Ich sah mir etwa den Videclip zu «Learn to Fly» von den Foo Fighters an, den damals, zumindest so weit ich mich erinnere, die Frauen wie auch die Männer ziemlich witzig fanden, und erschrak. Geben wir es zu: Die Nullerjahre waren im Vergleich zu den Standards, die wir heute erreicht haben, ziemlich sexistisch und homophob. Da war auch die Indieszene keine Ausnahme – dass Kele Orekeke, der schwarze und schwule Sänger von Bloc Party, sein Coming-Out erst zum Ende der Dekade wagte, spricht wohl Bände.

Amnestie für die Nullerjahre!   

2016, zehn Jahre nachdem «Lärmparade» spielt, kam es

unter dem Hashtag #Amnesty Indie zu einer augenzwinkernden muskalischen Versöhnung mit der Zeit, als Bands mit Fedoras die Bühnen fluteten. Denn trotz aller Unzulänglichkeiten machte die Zeit und ihre Musik einfach einen riesigen Spass – auch viele Songs, die heute längste in Vergessenheit geraten sind. Im selben Jahr veröffentlichte Greg Nolan, mit dem ich während meiner Recherche in Kontakt stand, seinen kleinen, aber unglaublich feinen Bildband namens «This was our Scene». Hier geht es gleichnamigen Webseite. Greg war in den Nullerjahren Musikfotograf in London und verewigte die Szene mit Fotos, auf denen man noch den Schweiss dieser längst vergangenen Nächte zu riechen meint.

Nun, mit etwas Verspätung, folgt nun auch «Lärmparade», um diese vergangene Zeit noch einmal aufleben zu lassen. Ganz alleine bin ich damit übrigens nicht: Irgendwie hat es der Indierock geschafft, in einer kleinen Nische zu überleben, so dass auch in der Schweiz heute noch eine kleine Szene, besteht, die etwa im ISC Club in Bern oder im Exil in Zürich regelmässig Parties steigen lässt, auf denen man wie früher aus voller Kehle «Mr. Brightside» von den Killers mitgrölen kann.

Wer sich schon mal einstimmen will oder zur Lektüre von «Lämparade» den passenden Sountrack sucht – auf Spotify findet ihr eine Playlist mit einigen der tollsten Song der Indie-Nullerjahre sowie anderen Songs, die in der Geschichte vorkommen.

Geben wir es zu: Die Nullerjahre waren sexistisch und homophob. Die Indieszene bildete da keine Ausnahme.

Idee!

Lest «Lärmparade» in eurem Leseclub oder in der Schule und diskutiert darüber, inwiefern Pete und Janosch anders ticken als heutige Jugendliche oder – falls ihr selbst Millenials seid, wie ihr auf diese Zeit zurückschaut und euch verändert habt.