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Hardau, Zürich

Leseprobe aus Kapitel 1

Leseprobe_Hardau
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    Dies ist ein Ausschnitt aus der offiziellen Leseprobe von «Lärmparade». Gerne lese ich dir auch vor! ↖

 

     Eine verfluchte Stunde lang schmiss ich Flugblätter in die Briefkästen unseres Viertels. Dann kehrte ich mit klammen Fingern in die Hardau zurück. Zwar bezweifelte ich, dass jemand den Schwachsinn glaubte, den mein Vater auf die Werbungfür die Brüder und Schwestern Jesu Christi hatte drucken lassen. Irgendwelchen Quatsch über Satan und seine Versuchungen. Aber ich hoffte, dass er sich nach meiner Verteilaktion wenigstens von seiner gnädigen Seite zeigte.

     Mit knurrendem Magen lief ich die Aufstiegsrampe zur Siedlung hoch. Vor mir schossen die vier Hardau-Türme in die Dämmerung empor wie vier riesige, rotbraune Finger. Auf dem Vorplatz nach der Rampe blickte ich nach links und rechts, um nicht den Hirnamputierten in die Arme laufen. Doch sie waren nirgends zu sehen. Nur ein paar Omas vom Altersheim auf Rollator-Ausflug kreuzten meinen Weg. Ich wünschte ihnen einen schönen Abend – Freundlichkeit hatte mir mein Vater eingetrichtert wie die zehn Gebote.

     Dann trat ich in den Eingang zum höchsten Turm, in dessen sechster Etage wir wohnten. Ich schnaubte, weil der Lift irgendwo in den 33 Stockwerken unterwegs war, und nahm die Treppe. Wenn Essenszeit war, duftete es im Treppenhaus nach exotischen Gewürzen. Ich wusste deren Namen genauso wenig wie die unserer meisten Nachbarn. Den Geruch aus unserer Wohnung kannte ich hingegen zur Genüge. Mir drehte sich der Magen schon um, als ich nur über die Schwelle trat. Bohneneintopf. Mindestens dreimal in der Woche tischte meine Mutter diesen Fraß auf. Ich konnte ihn nicht mehr sehen und nicht mehr riechen.
     Doch die Kohle war bei uns knapp. Wir lebten von den Spenden, die die etwa hundert Mitglieder der Brüder und Schwestern Jesu Christi meinem Vater abdrückten. Also wurde bei uns jeder Franken zweimal umgedreht. Mindestens. Aus dem türkischen Minimarkt die Straße runter trugen ich und meine Mutter Großpackungen Teigwaren, Reis und Bohnen nach Hause. Immerhin machte sie das Beste daraus. Garte die Bohnen mit Zwiebeln und billigem Speck vom nahen Schlachthaus, bevor sie den Eintopf in unsere vergilbten Teller schöpfte. Beschwerte ich mich wieder einmal über unseren öden Speiseplan, flog ihr Blick direkt zu Vater. Dem unbestrittenen Gebieter über unsere städtische Dreizimmerwohnung. Diese Knalltüte hielt mir dann einen Vortrag über Hungersnöte in Afrika und meine himmelschreiende Undankbarkeit, saß ich doch vor einem Teller schmackhafter Bohnen.
     Ihm konnte es ja scheißegal sein. Leckeres Essen war  meinem Vater genauso zuwider wie all die anderen schönen Dinge im Leben. Ferien oder Fernsehen etwa. Stattdessen hing er die meiste Zeit in seinem Studierzimmer herum, wo er bei Filterkaffee und Keksen über Bibeltexten brütete. Oder lange Telefonate führte.
     So wie jetzt. Dumpf hörte ich ihn hinter der Tür in den Hörer schimpfen, während ich fürs Abendessen deckte. Alles in unserer Küche war braun: der Linoleumboden, die klapprigen Geschirrschränkchen, das Bild mit dem deprimierten Jesus über dem Esstisch. Doch manchmal schien die Sonne beimUntergehen hinein. Dann tauchte sie die Küche in ein sattes Orange. Was mich immer daran erinnerte, dass es neben

unserer Welt der Brauntöne auch eine andere gab.
     Im Studierzimmer schrie mein Vater nun fast. Vermutlichhatten die Kinder von Galiläa wieder stinkende Windeln vor das Bürogebäude gelegt, in dessen Untergeschoss sich die Brüder und Schwestern Jesu Christi versammelten. Die Kinder von Galiläa waren eine Splittergruppe, die sich wegen irgendeiner theologischen Spitzfindigkeit von den Brüdern und Schwestern abgespalten hatten. Dem Kleinkrieg, der daraus entstand, widmete mein Vater gerade den Großteil seiner Zeit. Mutter nahm die Bohnen vom Herd und setzte Tee für uns sowie noch mehr Kaffee für den Herrn des Hauses auf. Ich holte Rebekka.

     An guten Tagen schaffte sie es inzwischen mit Krücken in die Küche. Aber nur, wenn jemand neben ihr herging und aufpasste. Heute war sie zu müde dafür. Das sah ich ihr gleich an, als ich unser Zimmer betrat. Vorsichtig hob ich sie von der unteren Matratze unseres Etagenbetts. Trug sie auf beiden Händen in die Küche und hievte sie in den Hochstuhl.

     Der war eigentlich für Hosenscheißer gedacht. Doch auch wenn Rebekka bald zwölf wurde, war sie nun mal nur so groß wie eine Fünfjährige. Pflanzte man sie auf einen normalen Stuhl, plumpste sie zur Seite runter. Ich band ihr das Lieblingslätzchen um – das mit den spielenden Affen. Erst als wir vor den dampfenden Tellern saßen, bequemte sich auch mein Vater aus dem Studierzimmer zu uns. Wortlos setzte er sich, das Gesicht verzerrt vor Wut. Er faltete die Hände und sprach mit gesenktem Kopf das Tischgebet. Es erklang Abend für Abend in unserer Küche, seit ich denken konnte. Unser Vater, segne diese Speise, uns zur Kraft und dir zum Preise.


     Heute sprach ich das Amen zum Schluss überdeutlich mit,statt meinen Vater wie üblich mit einer Lippenbewegung zu ärgern. Schweigend löffelten wir die Bohnen, und vor dem Küchenfenster verschwamm das Rotbraun des Nachbarturms in der Dunkelheit. Mein Vater beruhigte sich langsam. Geduldig wischte er Rebekka mit dem Latzzipfel die Soße ab, die aus ihrem Mundwinkel übers Kinn lief. Als wir vor leeren Tellern saßen, hielt ich den Moment für gekommen. Satt war mein Vater milder drauf als sonst.
    «Janosch und ich wollen Musik machen», eröffnete ich die Schlacht.

    Es wurde totenstill am Tisch. Sogar Rebekka hörte auf, mit dem Löffel gegen den Tellerrand zu klacken.

     «Musik machen?» Misstrauisch zog mein Vater die Augen-brauen zusammen.
     Von allen irdischen Versuchungen war dieser Spaßbremse die Musik am suspektesten. Selbst die Kirchenlieder, die wir in den Gottesdiensten der Brüder und Schwestern sangen, sah er eher als notwendiges Übel und weniger als geistige Erbauung. Bei Rock und Techno gingen bei ihm aber die Alarmglocken an. Diese Musik war untrennbar mit Sünden wie Drogen oder ausschweifendem Sexleben verbunden und trieb jeden, der sie zu lange hörte, direkt in Satans Arme. Zweifellos wartete mein Vater deshalb nur auf ein falsches Wort von mir, um mir auch dieses Vorhaben zu verbieten. Genauso wie McDonaldʼs, Actionfilme und Geburtstagspartys von Klassenkollegen, weil dort möglicherweise Alkohol getrunken wurde.

     «Was für Musik wollt ihr spielen?», fragte er und strich sich nachdenklich über den Bart.

     «Solche Musik.» Ich schob eine Kassette über den Tisch.
    Janosch und ich hatten uns vorbereitet. In der CD-Sammlung seiner Mutter hatten wir Jeff Buckleys Coverversion von Leonard Cohens Halleluja gefunden. Da wir zu Hause nicht einmal einen CD-Player hatten, mussten wir den Song auf  Janoschs Stereoanlage auf Kassette überspielen. Es war eine Bal-
lade ganz ohne verzerrte Gitarren, denn in denen hörte meinVater das Heulen Satans höchstpersönlich. Jeff Buckley hingegen zupfte die Saiten sanft wie ein Engel. Außerdem sang er so oft Halleluja, dass Satan spätestens im zweiten Refrain das
Weite suchen musste.
     «Janosch wird Gitarre spielen», erklärte ich, «und du weißt ja, wie gerne ich singe.»

     Ich setzte einen bettelnden Blick auf, was mich einige Überwindung kostete.

     «Und du weißt, dass wir es nur gut mit dir meinen.» Er drehte die Kassette langsam in den Fingern. «Wir wollen, dass du den richtigen Weg gehst, Peter. Den Weg, den Jesus gegangen ist. Den Weg, den auch wir für unser Leben gewählt haben.»

Clip aus Kapitel 2

Sieh und hör dir hier an, wie Janosch und Pete ihren ersten Song «Tower Boys» schreiben.

Mir drehte sich der Magen schon um, als ich über die Schwelle trat.

Bohnen eintopf.

Dem Kleinkrieg, der daraus entstand, widmete mein Vater gerade den Grossteil seiner Zeit.

Von allen irdischen Versuchungen war dieser Spassbremse die Musik am suspektesten.

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