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«Old Firm»-Derby, Glasgow

Leseprobe aus Kapitel 5

    Es ging schon auf den Abend zu, als Ian am nächsten Tag endlich das Telefon abnahm. Ich konnte ihn kaum verstehen, weil im Hintergrund ohrenbetäubender irischer Folkpunk lief und Leute durcheinanderschrien.
    «Ian, wir müssen etwas Wichtiges besprechen», sagte ich.
    «Was sagst du?», rief er. «Es ist etwas laut hier!»
    «Wir müssen etwas Wichtiges besprechen, Ian!», rief ich
zurück.
    «Wir haben heute die Rangers runtergeputzt und feiern gerade. Kann das nicht warten?»

     Ich atmete aus. «Nein», entschied ich. «Kann es nicht.»
    Nun wusste ich auch, was der Lärm im Hintergrund bedeutete. Ich hatte ganz vergessen, dass heute das Stadtderby über die Bühne gegangen war. Den ganzen Tag schon hatten wir vom nahen Stadion der Glasgow Rangers her Fangesänge vernommen, uns aber nichts weiter dabei gedacht.
    «Na gut!», schrie Ian durch das Stimmengewirr. «Dann
kommt halt her.» Er nannte mir eine Straßenkreuzung in der Nähe des Stadions, wo er und seine Jungs vor einem Pub tranken.

     Wir schlüpften in unsere Jacken, gingen die  sonntäglich stille Harley Street hinunter und bogen in die vierspurige Hauptstraße ein, die an der Subway-Station vorbei zum Stadion führte. Ich wusste nicht, welcher Teufel mich gerade ritt, dass ich mich kopfvoran in die Höhle des Löwen begab. Doch es war wohl der Mut des Verzweifelten. Entweder wurden wir Ian los – oder wir konnten unser Vorhaben gleich ganz abbrechen. Auf der Hauptstraße kamen uns Pulks von blau-weiß-rot gekleideten Rangers-Fans entgegen, die Richtung Zentrum spazierten. Nur wenige Celtic-Fans in ihren grün-weißen Pullovern hatten sich in den Strom verirrt; sie schienen es eilig zu haben, von hier wegzukommen. Kein Wunder, dachte ich, während wir über plattgedrückte Pommes-Styroporboxen und wertlos gewordene Eintrittstickets trampelten: Je näher man dem Stadion kam, desto betrunkener wurden die Fans. Als wir den Weg einiger glasig dreinblickender Ranger-Anhänger kreuzten, löste sich ein drahtiger Mann aus der Gruppe, machte einen Satz auf mich zu und täuschte einen Schwedenkuss vor.
    «Lass uns umkehren, Pete», stieß ich hervor, während der Mann davontorkelte und sich dabei vor Lachen den Bauch hielt. Von meinem Mut war nichts mehr übrig. Diese Stadt war einfach eine Nummer zu hart für mich. Ich musste an die sechste Klasse zurückdenken, als ich in einer Schülerauswahl Fußball gegen Oberstufenschüler gespielt hatte. Sie waren schneller und einen halben Kopf größer gewesen; wir hatten dem Ball nur hinterhergesehen und waren dauernd angerempelt
worden.
    Glasgow fühlte sich genauso an.
    Doch Pete zerrte mich am Ärmel weiter, bis wir zu einer Gruppe Polizisten in schwarzen Hosen und neongelben Westen gelangten. Sie wachten vor Absperrgittern darüber, dass sich die beiden Fangruppen möglichst nicht vermischten. Sogar die Pferde einer berittenen Einheit schnaubten neben einer Reihe Streifenwagen. Vermutlich, weil wir nicht aussahen
wie gewaltbereite Fußballfans, ließen uns die Polizisten kommentarlos durch eine Lücke zwischen den Gittern auf die andere Seite wechseln.
    Hinter der Blockade lag, flankiert von rostroten Sandsteinhäusern mit Türmchen, die Kreuzung, die Ian uns angegeben hatte. Mitten auf ihr wankte eine Gruppe von Männern mit um die Hüfte gebundenen Celtic-Pullovern. Sie grölten You’ll never walk alone, die Hymne der Celtic-Fans, die Ian uns zu Hause in Zürich einmal ergriffen vorgesungen hatte. Ich war heilfroh, dass auch ich nicht alleine ging, sondern Pete an meiner Seite hatte. Es lag die Art von unheimlicher Ruhe in der Luft, die jeden Augenblick in einen Sturm umkippen
konnte.
    «Da seid ihr beiden Knalltüten ja!»
    Ian winkte uns aus einer feiernden Meute zu, die sich vor einem kleegrün gestrichenen Pub tummelte. Er hatte sich eine im Wind flatternde Celtic-Flagge um den Hals gebunden, sodass er damit aussah wie ein schottischer oder eben irischer Cäsar, und war gerade damit beschäftigt, daumendicke Pommes aus einer Styroporbox zu mampfen. Neben ihm standen Andy, in Trainingshose und Celtic-Trikot, sowie einige der Jungs von
unserem Abend im Rabbitʼs Head. Sie registrierten unsere Ankunft aber gar nicht, da sie damit beschäftigt waren, provozierende Blicke zu den berittenen Polizisten an der Straßensperre zu werfen.
    «Bisschen Glasgower Salat?» Ian bot uns zur Begrüßung Pommes an, die in brauner Soße aufgeweicht waren. Pete nahm eine; ich schüttelte den Kopf.
    «Was war denn so wichtig, dass es nicht warten konnte?» Mit fragendem Blick steckte sich Ian eine Pommes in den Mund. Er wirkte so glücklich über den Sieg gegen die Rangers, dass ich es kaum über mich brachte, den Satz auszusprechen, den ich auf dem Hinweg in Gedanken eingeübt hatte. Ich räusperte mich, dann sagte ich ihn trotzdem auf:
    «Wir wollen nicht mehr, dass du unser Manager bist.»
    Ian hörte auf zu kauen. «Wieso das denn?»
    Dass er tatsächlich überrascht war, ließ mich dann aber gleich wieder sauer werden.
    «Du behauptest die ganze Zeit Dinge, die nicht stimmen», antwortete ich. «Du kennst niemanden in der Musikindustrie, und in Glasgow gibt es überhaupt keine A&Rʼs aus London!»
    «Woher willst du denn wissen, wen ich kenne?» Er kaute weiter und sah mich halb verärgert, halb belustigt an. «Falls ihr euch darüber beklagt, dass ihr nach einem Monat noch nicht auf der Titelseite des NME seid», fuhr er fort, «dann seid definitiv ihr es, die nichts vom Musikgeschäft verstehen.»
    Ich holte Luft, um meine Bombe platzen zu lassen: «Und was ist mit unserer Monatsmiete?», fragte ich. «Du streichst doppelt so viel ein, wie wir Kevin zahlen müssten. Außerdem ist der gar nicht auf Weltreise, sondern auf der Flucht!»
    Nun war Ian baff. Schweigend bohrte er eine Pommes in die eklige braune Soße, während er vermutlich überlegte, wie  er sich aus der Angelegenheit winden konnte. Er entschloss sich zum Gegenangriff.
    «Na und? Über was beklagt ihr euch?» Trotzig zuckte er
mit den Schultern. «Ich habe euch eine Wohnung besorgt.»
    «Darum geht es nicht! Du verarschst uns die ganze Zeit.»
    «Ich helfe euch, verdammt noch mal!» Er knallte seine
Styroporbox auf den Deckel des klobigen Abfalleimers neben
ihm und deutete mit beiden Händen entrüstet auf seine verwaschenen Jeans. «Glaubt ihr, ich kaufe mir von dem Geld Kleider von Burberry oder so was?»
    Ich schüttelte den Kopf. Die Pumas an seinen Füßen sahen zwar brandneu aus. Doch dies war wohl kein günstiger Moment für solche Spitzfindigkeiten, denn Ian kam in Fahrt und fuhr sich aufgebracht über den Schädelknochen.
    «Das Geld wächst hier nicht auf Bäumen», schimpfte er.
    «Das ist nicht wie bei euch zu Hause. Weißt du, wann mein Dad das letzte Mal in den Ferien am Mittelmeer war? In der Wärme, wo ihm mal für eine Woche seine verfluchte Hüfte nicht schmerzt?»

     «Darum geht es nicht», wiederholte ich leise, schämte
mich aber zugleich, der reiche Schweizer zu sein, der keine Ahnung vom Leben anderer Leute hatte. Zu allem Übel hatten wir mit dem Wortwechsel nun auch die Aufmerksamkeit von Andy auf uns gezogen. Er knallte sein Bierglas auf den Abfalleimer und wandte sich uns zu.
  «Gibtʼs ein Problem, Bruderherz?» Seine Stimme klang
so bedrohlich wie eine anfliegende Bomberflotte. «Haben
die Schwuchteln hier was gegen dich? Soll ich ihnen zeigen, was mit Leuten passiert, die nicht nett zu meinem kleinen Bruder sind?»
    «Vergiss es, Andy. Spielt keine Rolle.»
    Ian nahm ihn besänftigend am Arm, doch es war zu spät. Andy hatte mich bereits im Visier. Vermutlich hatte er sich sowieso vorgenommen, zur Feier des Tages jemanden zu verprügeln. Das würde nun halt ich sein. Geschickt entwand er sich dem Griff seines Bruders und machte einen Satz auf mich zu, die Hände bereits zu Fäusten geballt. So musste es sich anfühlen, wenn man von einem wilden Tier angegriffen wurde. Ich stand paralysiert da; unfähig, zu fliehen oder in Deckung zu gehen. Kein Bitten und Winseln würde Andy davon abhalten, mich auf dieser Glasgower Kreuzung zum Krüppel zu prügeln. Er schwang die Faust bereits,
um sie mir mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen, als
direkt neben ihm eine heransausende Flasche auf dem
Asphalt zerschellte. Meine Rettung nahte, und zwar in der
Form einiger Hooligans des Rangers Football Club. Sie trugen Polohemden und Sneakers, mussten so die Polizeisperre passiert haben und rannten quer über die Kreuzung auf uns zu.
    Von da an lief alles nur noch in Zeitlupe. Ich hörte Schritte und zersplitterndes Glas. Ich sah schneeweiße Turnschuhe, die wie Pingpongbälle auf mich zuhüpften, und dann meine Arme, die instinktiv nach vorne schnellten und mit ungeahnter Kraft einen Mann im Polohemd von mir wegstießen. Ein dumpfer Aufprall, ein gellender Schrei, dann schaltete der Film wieder auf Normaltempo. Andy hielt den Rangers-Hooligan, der auf uns zu gerannt war, im Schwitzkasten. Eine weitere Glasflasche flog dicht an mir vorbei und zersprang am
Pub-Eingang, wo ein anderer Ranger-Hooligan einem Celtic-Fan das Trikot über den Kopf zog. Ich wurde weggezogen, stolperte fast, konnte mich aber gerade noch aufrappeln. Pete hatte mich gepackt und zog mich um die Hausecke in eine Quartierstraße, die von der Kreuzung abging. Ian folgte uns dicht auf den Fersen.
    «Verschwindet von hier!», keuchte er und schob uns in
die Straße hinein. «Das hier ist nichts für zarte Seelen.»
    Damit stürzte er sich ins Getümmel zurück, das sich bereits in hektischer Auflösung befand. Uniformierte rannten heran, Pferde kamen angaloppiert. Zuletzt sah ich noch, wie Andy einem der Pferde einen Hieb auf die Schnauze versetzte, worauf die perplexen Polizisten ihre Pfeffersprays zückten und ihn großzügig damit einsprühten. Pete und ich rannten die Straße hinunter, bis wir in sicherer Entfernung waren. Dann verschnauften wir. Eine Euphorie machte sich in mir
breit, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.
    «Mit dem Hooligan im Lacoste-Hemd wäre ich fertiggeworden», sagte ich und zog mit zittrigen Fingern Tabak und Papers aus der Jackentasche. Wir waren kurz nach unserer Ankunft auf Selbstgedrehte umgestiegen, weil Zigarettenpacks hier so teuer waren wie ein halbes Abendessen.
    «Klar doch, Janosch.» Pete klopfte mir kumpelhaft auf
die Schulter. «Den hättest du plattgemacht.»
    «Egal ob dieser Nigel kommt oder nicht –wir müssen aus unserer Wohnung heraus», entschied ich und steckte die Zigarette in den Mund. «Mit Ian sind wir fertig.»
    «Einverstanden.» Pete nickte und gab mir Feuer. Vielleicht hatte ich falschgelegen, ging es mir durch den Kopf, während ich einen tiefen Zug nahm und sich das Nikotin in meinen Nervenbahnen ausbreitete. Vielleicht war ich doch hart genug für Glasgow.

Je näher wir dem Stadion kamen, desto betrunkener wurden die Fans.

«Bisschen Glasgower Salat?» Ian bot uns zur Begrüssung Pommes an, die in brauner Sosse aufgeweicht waren.

«Glaubt ihr, ich kaufe mir von dem Geld Kleider von Burberry oder was?»

Von da lief alles nur noch in Zeitlupe. Ich hörte Schritte und zersplitterndes Glas.

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