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Kulinarik des Todes in
der Stadt der Herzinfarkte

Reist man heutzutage in fremde Gegenden, stellt man oft leicht enttäuscht fest, dass der globale Handel die lokalen Spezialitäten längst in die Heimat gespült hat – sei das Thai-Food oder britische Pub-Kultur.

Ausgenommen natürlich, die lokalen Spezialitäten sind dermassen absurd und gesundheitsgefährdend, dass es keinem Food-Scout oder Delikatessenhändler in den Sinn kommt, sie zu propagieren oder zu importieren.

Genau auf eine solche Situation traf ich in Glasgow.

Rost-Limo und krimineller Likör

Es gibt kaum ein Land, in dem eine einheimische Limonade populärer ist als Coca-Cola – Schottland ist eine dieser Ausnahmen. Irn Bru, schottlands inoffizielles Nationalgetränk, wurde zumindest zeitweise mehr verkauft als der US-Klassiker. Irn Bru sind zwar in jedem Kiosk Schottlans zu finden, haben aber ausserhalb der Landesgrenze kaum Karriere gemacht. Was womöglich daran liegt, es etwa schmeckt wie flüssige Gummibärchen mit Kohlensäure. Weil das Getränk in giftigem Orange gefärbt ist, witzeln die Schott*innen darüber, dass Irn Bru in Wahrheit flüssiger Rost ist – schon der ausgeschriebene Name sagt es ja; Iron Brew. Was wiederum, britischer schwarzer Humor eben, ein Witz über die untergegangene Industrie der Stadt sein könnte.

Und dann gibt es da noch «Bucky». Buckfast Tonic Wine ist ein gezuckerter und koffeinierter Likörwein, den die Mönche der Buckfast Abbey im beschaulichen Südengland produzieren. Getrunken wird er aber vor allem im Norden der Insel, allen voran in Glasgow. Fussballfans wie auch das Partygänger lassen sich gerne von der Dreifaltigkeit aus Alkohol, Zucker und Koffein aufputschen. Wer einmal ein Glas davon probiert hat, weiss, wovon die Rede ist. Buckfast wirkt so stark, dass viele Straftaten, etwa Schlägereien, unter seinem Einfluss begangen werden. Bereits mehrfach gab es deshalb Bestrebungen, Buckfast zu verbieten – vergeblich. Natürlich spielt «Bucky» deshalb auch in «Lärmparade» eine Rolle – ob als Leibgetränk von Managerin Kate oder als Wurfgeschoss gegen Ende des Buches.

Damit auch ihr den unbeschreiblichen Geschmack von Irn Bru und die Wirkung von Buckfast kennenlernt, werde ich das Publikum der «Lärmparade»-Lesungen davon kosten lassen. Ein Grund mehr, diese Events zu besuchen! Es hat solange Vorrat...

ch p

Der Duft von Frittieröl

Im Herbst 2018, als ich vor Ort recherchierte, hingen in den Bussen Plakate einer Kampagne gegen Herzkrankheiten. Kein Wunder, dachte ich – weht einem auf den Strassen der Stadt doch regelmässig der Duft fettig-säuerliche Duft von Frittierschaden entgegen.

Denn in den unzähligen Fastfood-Buden frittieren die Glasgower so ziemlich alles, was ihnen in die Finger kommt. Von Kartoffeln – von Kartoffeln (in Glasgow nennt man Pommes auch einfach «Glasgower Salat») bis hin zu Würsten, Pizzastücken und Marsriegeln. Diese Spezialitäten gibt es etwa bei «Blue Lagoon», einer Frittierkette in Glasgow. Eine dieser Buden war die Inspiration zu dem Fish&Chips-Laden, in dem Janosch zu Beginn des zweitletzten Kapitels «Nina» eine Abfuhr von Managerin Kate erhält.

Wer übrigens Mühe hat, sich zwischen Kebab, Fritten und frittierten Zwiebelringen zu entscheiden, ist in Glasgow an richtiger Stelle. In der «Munchybox», einer weitere kulinarische Innovation Glasgow, versammeln sich in einem Pizzakarton Fritten, Burger, Pizzastücke, Zwiebelringe und fettige Saucen. In einer Ecke liegen traditionell ein paar Blätter Salat. Hat man sich die «Munchybox» um drei Uhr, sturzbetrunken von Buckfast, zusammen mit einem Irn Bru bei einem Laden gekauft und ist nach Hause gestorkelt, wirft man den Salat in einem letzten höhnischen Akt der eigenen Gesundheit gegenüber in den Abfalleimer und macht sich über den Rest her.


Glasgows Esskultur ist dermassen berüchtigt, dass nicht nur «Vice» eine tolle Reportage darüber gedreht, sondern auch der verstorbene Starkoch Anthony Bourdain Pommes mit Käse und Curry-Sauce probiert hat. Sieht man sich übrigens die Reportage in voller Länge an, kommt weit mehr als nur das fettige Essen der Stadt zur Sprache.


Gerade weil Fastfood, so wie Fussball, das Glasgower Leben zu sehr definiert, um es zu ignorieren, lasse auch ich in «Lärmparade» die Frittierölschwaden regelmässig in die Nasen von Pete und Janosch wehen. Zudem muss ich gestehen, dass es mir einige dieser Spezialitäten, insbesondere die frittierte Pizza, nach erstem Stirnrunzeln dann doch angetan hat. Auch wenn ich es gar nicht wollte. Aber so ist Glasgow nun mal. Bon appetit!

Die populärste Limonade des Landes schmeckt wie aufgelöste Gummibärchen mit Kohlensäure.

Die Glasgower schmeissen in die Frittöse. was sie eben in die Hände kriegen: Würste, Pizza, Marsriegel.

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